Volkswagen kündigt einen großen Stellenabbau an – bis zu drei Werke könnten geschlossen werden.

Die anderen deutschen Wettbewerber BMW und Daimler merken ihre Krise noch nicht so sehr, da sie eher im hochpreisigen Segment unterwegs sind. Doch die Krise ist da, war vorhersehbar und hat sehr viel mit Elektromobilität zu tun.

Bereits 2016 habe ich für den Blog einer deutschen Redneragentur einen Beitrag verfasst, für den ich viel Schelte bekommen habe. Es ging um die Gefahren für die deutsche Autoindustrie durch die Elektromobilität.

Fast alles hat sich leider so bewahrheitet. Der noch amtierende deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck sagte 2019, dass die deutschen Hersteller scheitern werden, wenn sie es nicht schaffen, bis 2025 bezahlbare Elektroautos auf den Markt zu bringen. Nun ist es soweit. Aber anstelle die Probleme zu analysieren und wirksame Veränderungen auf den Weg zu bringen, werden Schuldige und Scheinlösungen gesucht.

Die Vorwürfe und die Erzählung

Angesichts der Krise in der deutschen Autoindustrie sind viele Menschen sehr schnell und sehr kreativ bei der Bewertung der Ursachen dafür. Insbesondere die Fans der rollenden Ölheizungen, die primär in konservativen, neoliberalen und rechtsextremen Kreisen zu finden sind, machen nun die Leute für die Misere verantwortlich, die schon viele Jahre vor der Gefahr warnen. Die Erzählung dieser, wie ich sie nenne, GesternKleber-Szene, ist die folgende:

Volkswagen hat sich zu einseitig auf Elektromobilität fokussiert. Die von reiner Ideologie getriebenen Klimaziele der Europäischen Union haben die deutschen Hersteller dazu gezwungen, einseitig durch Planwirtschaft auf eine Technologie zu setzen, weil ihnen sonst enorme Strafzahlungen drohen.

Diese Geschichte verfängt in vielen Kreisen, da die Schuldigen schnell ausgemacht sind. Als Folge fordern Faktenaverse Menschen eine Rücknahme des Verbrennerverbots und die Aufhebung aller Grenzwerte.

Die Fakten

  • Weder Volkswagen noch irgendein anderer deutscher Hersteller hat sich jemals einseitig auf Elektromobilität fokussiert. Das Gegenteil trifft zu, man hat diese Technologie halbherzig angefangen umzusetzen, weil man nach Jahren der 100%igen Ignoranz doch irgendwann gemerkt hat, dass Elektromobilität nicht nur was für Öko-Nerds ist und dass Elektroautos attraktiv sein können. Jedoch hat man dem Thema nur wenig Bedeutung beigemessen, weil die sterbende Verbrennertechnologie noch immer Milliardengewinne brachte und man statt in Innovation und Transformation zu investieren, lieber Manager-Boni einsackte und Aktionär:innen Dividenden zahlte. Es regierte das Prinzip „Gier-Frisst-Hirn“.
  • Die Klimaziele der Europäischen Union haben mit Ideologie so viel zu tun wie rechtsradikale Parteien mit Demokratie, nämlich nichts. Diese Ziele sind wissenschaftlich abgeleitet, denn die Klimakrise, maßgeblich verursacht durch zu hohen Ausstoß an Treibhausgasen, wartet nicht auf uns. Die Regeln der Physik haben mit Ideologie nichts zu tun. Das Wunschdenken der GesternKleber dagegen sehr viel.
  • Die Flottengrenzwerte in der EU sind 2019 beschlossen worden. Das ist 5 Jahre her. In der Zeit hätte man als Autohersteller reichlich Zeit gehabt, seine Hausaufgaben zu machen. Stattdessen hat man durch seine Lobbyverbände lieber darin investiert, gegen das Elektroauto und im Sinne der sterbenden rollenden Ölheizungen zu lobbyieren. Über mehrfach widerlegten Mythen, die rund um das E-Auto verbreitet werden, habe ich in meinem letzten Beitrag geschrieben
  • Eine Planwirtschaft existiert in Europa nicht und die Regeln der EU haben damit absolut nichts zu tun. Der Begriff Planwirtschaft kommt insbesondere bei neoliberalen Kreisen immer dann, wenn man Regeln nicht mag, aber gegen sie keine Argumente hat. Die EU hat keinerlei Vorgaben gemacht, wie die wissenschaftlich abgeleiteten Ziele erreicht werden sollen. Sie hat lediglich das getan, was immer gefordert wurde: Sie hat Rahmenbedingungen formuliert. Und wenn der Verbrenner bis 2035 keine Treibhausgase mehr emittiert, kann er auch zugelassen werden.
  • Der Markt, der den deutschen Herstellern eingebrochen ist, ist China. Der Europäische Markt schwächelt schon seit vielen Jahren. Noch immer ist der PKW-Absatz in Europa nicht auf dem Niveau von vor Corona angekommen. Ein großer Teil der Verkäufe sind in Europa schmutzige Geschäftsfahrzeuge. Bei kleineren Fahrzeugen fehlte ein für Kund:innen attraktives Angebot. Das bisher gut laufende Chinageschäft hat die Verluste in Europa mehr als ausgeglichen. Diese Kompensation fehlt nun, weil der Markt in China mittlerweile durch einheimische Elektroautos dominiert wird. Hätten die deutschen Hersteller also attraktive Elektroautomodelle anzubieten, hätten sie in China weitaus bessere Chancen.

Das Problem ist also nicht der einseitige Fokus auf Elektroautos, sondern der halbherzige Umgang mit der Transformation dort hin.

Die Erzählung

Die Fossil-Lobby sowie Teile der rückwärtsgewandten Politik mischen bei der Verunsicherung und Desinformation mit und suggerieren den Kund:innen, dass der Verbrenner noch irgendeine relevante Chance am Markt hat.

Es wird das Bild erzeugt, dass man keine Technologie vorschreiben dürfe, da man nicht wissen könne, welche Technologie in 20 Jahren die richtige sei.

Die Physik

Auch wenn der letzte Satz stimmt, so werden die physikalischen Erkenntnisse bei dem Thema in 20 Jahren keine anderen sein. Die Regeln der Physik beim Verbrennungsprozess und beim Elektromotor sind hinreichend bekannt und auch in 20 Jahren wird der 2. Hauptsatz der Thermodynamik gelten. Damit wird auch dann der Verbrenner eine ineffiziente, dreckige, laute, gesundheitsschädliche und extrem teure Antriebsform sein – selbst wenn pinke Einhörner, wie E-Fuels, verfügbar wären, wovon nicht auszugehen ist.

Die GesternKleber

In Österreich reiten die rechtskonservative ÖVP und die rechtsradikale FPÖ auf der Nummer rum. In Deutschland sind es die rechtskonservative CSU, die konservative CDU, die neoliberale FDP und natürlich auch die rechtsradikale AfD. Sie alle agieren bewusst oder unbewusst im Auftrag der Fossil-Lobby und der fossile Energieträger exportierenden Länder. Diese Staaten sind in den meisten Fällen Diktaturen und finanzieren durch Einnahmen aus dem Geschäft auch Kriege. Mit dem faktenaversen Verhalten und dem Kleben an Gestern wird die Transformation, die weltweit bereits voll im Gange ist, in Europa verhindert, verzögert und sabotiert.

Es geht nicht mehr um Autos

Aber das Problem sitzt noch tiefer. Die deutschen Hersteller bauen noch immer Autos. Auch wenn sie irgendwann ganz elektrisch angetrieben werden, so sind es noch immer Autos. Tesla, BYD und andere chinesische OEMs bauen dagegen IT-Frontends, die nur aussehen wie Autos. Im Mittelpunkt stehen Konnektivität, Entertainment und Features, die begeistern aber nicht immer eine nützliche Funktion erfüllen. Das müssen die deutschen Hersteller noch lernen. Spaltmaße und geiles Fahrwerk haben an Bedeutung massiv verloren.

Die deutsche Autoindustrie hat noch zwei Jahre Zeit

Die deutschen Autohersteller haben noch etwa zwei Jahre Zeit. So lange wird es dauern, bis chinesische Hersteller ihre Werke in Europa gebaut haben. Diese werden sehr wahrscheinlich nicht in Deutschland oder Österreich stehen. Auf jeden Fall werden dadurch Importzölle, die ohnehin scheinheilig sind (bei uns werden Verbrenner seit Jahrzehnten massiv subventioniert), wirkungslos.

Wir haben jetzt zwei Möglichkeiten: Ernsthafte Transformation oder weiterhin auf die GesternKleber hören und das Sterben des Verbrenners durch Aufweichen von EU-Vorgaben verlängern. Es ist noch nicht zu spät sich für die Zukunft zu entscheiden.

Dr. Mario Buchinger, geb. Kuduz, 1975 ist Transformations-Experte, Physiker, Musiker und Autor. Der Lean- und Kaizen-Spezialist war zehn Jahre als Angestellter und Führungskraft bei Daimler und Bosch tätig, bevor er 2014 das auf Strategie-, Prozess- und Klima-Transformation spezialisierte Unternehmen Buchinger|Kuduz gründete. Zu den Kunden zählen neben Industrieunternehmen u.a. auch Banken und öffentliche Behörden.

Bild via KI erstellt

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